bizarre Weltmeisterschaften
"Spinnen die Finnen?" könnte fragen, wer eine
Liste der in diesem Jahr bei ihnen ausgerichteten Weltmeisterschaften studiert.
Darin nehmen sich die 4. Weltmeisterschaften im Handyweitwurf in Savonlinna
fast normal aus, wenn man die WM im Dauersitzen auf einem Ameisenhaufen dagegen
hält. Diese konnte es an Schmerzhaftigkeit, nicht aber an Anziehungskraft
mit der WM im Sauna-Dauersitzen aufnehmen. Die wiederum zog immer noch weniger
Zuschauer an als die 12. Weltmeisterschaften im Schlammfußball in den
Sümpfen von Hyrynsalmi, wo Tausende die Akteure permanent in Bewegung
sahen. Wer stehen blieb, mußte mit sofortigem Versinken rechnen. Zu
den größten Zuschauermagneten aber wurden die 8. Weltmeisterschaft
für "Luftgittaristen" in Oulu und die 12. WM im Frauentragen. In Sonkajärvi
bejubelten 11000 Zuschauer Vor-, Zwischen- und Endläufe durch einen Wassergraben
und über hohe Hürden.
Semu Sentala soll sich kurz geärgert haben, als er im August den Weltrekord
von Petri Valta im Handyweitwurf mit 66,72 Metern knapp verpasste. Aber bestimmt
nur kurz, denn laut Regel sind Erheiterung des Publikums und künstlerischer
Ausdruck genau so wichtig wie die Weite. Kunstvoll gezierte Anläufe mit
Pirouette beim Damenwettbewerb wurden ungeachtet schlapper Weiten genau so
bejubelt wie Valtas Weltrekord mit einem Nokia 5110. Die Idee habe ihre Wurzel
im "sehr persönlichen Verhältnis" der Finnen zu ihrem Handy, so
Veranstalterin Christine Lund. "Oft hasst man das Ding ja so, dass man es
wegschleudern möchte. Andererseits sidn meine Landsleute immer besessen
von den neuesten Modellen und wollen die alten weit weg schmeißen."
Beides las sich als philosophische Grundüberlegung sehr gut zu einem
Wettbewerb verarbeiten.
Weniger elegant und druckreif dürften die Gedanken der Ausrichter der
"WM für schmutzige Sprüche" ausfallen. Beim Frauentragen beruft
man sich auf die "lokale Tradition", wonach eine legendäre Brigade im
19. Jahrhundert nur Männer nahm, die eine Frau über einen "anspruchsvollen
Parcours" tragen konnten. Heute werden Teilnehmerinnen als Huckepack zugelassen,
wenn sie mindestens 49 Kilo wiegen. Aber auch da sagt das Regelbuch: "Alle
müssen Spaß haben." Diese Eigenart der Wettkämpfe hat sich
herumgesprochen. Zum Handyweitwurf kamen australische Teilnehmer, und beim
Sumpfkick hätte man gar die Technik südamerikanischer Ballkünstler
bewundern können. Wäre da nicht der Sumpf gewesen.
Verpönt sind Fragen zur Berechtigung des Begriffs Weltmeisterschaft.
Man nennt die Spaß-Veranstaltung halt so, ehe ein anderer drauf kommt
und kann deswegen ein Presseecho aus fernen Ländern bestaunen. Warum
die Finnen überhaupt so massiv bizarre Wettbewerbe durchführen,
erklärt der Organisator der WM für rotzige Sprüche: "Nur wir
sind verrückt und blau genug."
Korrespondentenbericht von Thomas Borchert;
aus: Wiesbadener Kurier, 04. September 2003